Leseprobe
Tödliche Schöpfung
Ein Kapitel, Seite 62.
Die Pathologie lag im Keller – wie typisch! In keinem Krankenhaus dieser Welt ist die Pathologie nicht im Keller. Der Tod gehört versteckt. Gerade in einem Krankenhaus muss er versteckt werden. Ein Krankenhaus ist ein Symbol der Hoffnung, die Pathologie ist das Ende aller Hoffnung.
Tamara hatte im Studium und auch später bereits diverse Krankenhäuser durchlaufen und kannte samt und sonders deren Pathologische Abteilungen. Alle lagen im Keller, und keine von ihnen machte auch nur annähernd einen angenehmen Eindruck. Sie schienen jedem, der dieses Elend noch mit seinen eigenen Augen sehen konnte, zu sagen: Geh weg! Du gehörst noch nicht hierher. Dies ist der Platz der Toten. Dies ist kein guter Ort für Lebende.
Und um diese Warnung noch zu unterstreichen, blätterte an dieser Wand etwas Farbe ab, an jener Wand machte sich der Schimmel breit, und für gewöhnlich war das Licht so kalt wie die Toten in der Leichenhalle. Nackte Neonröhren blinzelten sie an; weiß Gott kein angenehmer Ort. Diese Abteilung war nicht für Publikumsverkehr freigegeben. Deshalb musste man auch keine Unsummen in eine Renovierung stecken, um bei irgend jemandem den Eindruck eines vertrauenerweckenden Hauses machen zu müssen. Hier unten erst einmal angelangt, wurde jegliches Vertrauen in die ärztliche Kunstfertigkeit automatisch in Frage gestellt. Es war bereits kurz nach sieben Uhr abends, und wenn es auch in der Pathologie nie besonders hektisch zuging, so wirkte sie jetzt geradezu ausgestorben.
Tamara hatte es sich unbewusst zur Gewohnheit gemacht, durch diese Gänge zu schleichen – nicht etwa, weil sie Angst hatte, von jemandem entdeckt zu werden, sondern einfach, um von diesem unheimlichen Ort nicht wahrgenommen zu werden. Im Grunde genommen wollte sie nichts mit der Funktion dieser Abteilung zu tun haben.
Der Geruch von Desinfektionsmitteln, der das gesamte Krankenhaus bis in den letzten Winkel durchdrang, war hier um einiges stärker. Die Intensität wurde lediglich durch die Vermischung mit Formalin gemildert, was nicht bedeutete, dass es infolgedessen besser roch. Tamara bog um die letzte Ecke. Hinter einer Tür lag der Sektionssaal, eine Tür weiter die Leichenhalle. Ein weiß-rotes Band der Kriminalpolizei versperrte dort den Zutritt. Im ganzen Haus munkelte man, dass die Explosion des für die Kühlung benutzten Wasserstoff-Behälters kein Unfall war.
Beklommen klopfte Tamara an die halb geöffnete Tür des Ärztezimmers. Sie trat ein. Auch hier erhellten nackte Neonlampen den Raum. Eine von ihnen flackerte unaufhörlich. An – Aus – An – Aus – An – …
”Hallo?” fragte sie in den leeren Raum. Eigentlich gab es keinen vernünftigen Grund, warum die Pathologie spät abends besetzt sein sollte. ”Hallo?” fragte sie noch einmal leise auf den Gang hinaus – als wollte sie die Toten nicht stören.
Anscheinend war tatsächlich niemand da. Wieso aber brannte dann das Licht, und die Tür war nicht abgeschlossen? Wie auch immer. Tamara stellte sich vor den Aktenschrank und suchte nach der Schublade, in der die neuesten Autopsieberichte aufbewahrt wurden. Das musste sie sein. Sie zog an der Schublade des Metallcontainers. Leise ächzend gab sie endlich nach. Mit ihren Fingern flog sie von Akte zu Akte. Nichts. Tamara drückte die Schublade wieder zu. Jetzt machten die Rollen auf dem Metall ein Geräusch wie spitze Fingernägel, die über eine Tafel kratzen. Tamara bekam alleine von der Vorstellung dieses Geräusches eine Gänsehaut. Sie musste sich schütteln. Hier hatte sich sogar das Mobiliar gegen die Lebenden verschworen: ächzende Türen, kreischende Schubladen und in Formalin eingelegte Präparate, die im flackernden Licht ihren Totentanz tanzten.
Sie kannte sich in der Pathologie kaum aus. Vielleicht waren die Akten alphabetisch geordnet. Sie schaute sich um. Ja, es gab tatsächlich Metallcontainer, die eine alphabetisch geordnete Aufschrift hatten. Wie war noch der Name gewesen. Dr. Cramer. Oder war es vielleicht Dr. Kramer mit K?
Nein, erinnerte sich Tamara an einen Zeitungsartikel – es war Cramer mit C. Sie fasste den Bügel der Lade und war schon gefasst darauf, dass diese ebenso schwergängig war wie die andere. Als sie kräftig daran zog, machte sie einen Satz nach hinten mit der leichtgängigen Schublade in der Hand. Ihr Körper knallte gegen etwas Weiches.
”HAH!” entfuhr es ihr laut. Tamara drehte sich mit einem Satz um. Vor ihr stand ein glatzköpfiger Mann mit einem blutigen Kittel, Mundschutz und blutigen Latexhandschuhen. Tamara musste schlucken. Sprachlos trat sie einen Schritt zurück von der großen Erscheinung. Der Mann schaute sie einen Moment lang durchdringend an. Seine blutverschmierte Hand wanderte zum Mundschutz hoch, den er sich langsam vom Gesicht zog. Ein gestutzter Bart kam zum Vorschein.
”Ich glaube, ich kenne Sie. Genau, Sie waren auch auf der Pressekonferenz, nicht wahr?”
”Dr. Koenig”, stellte Tamara sich vor.
”Kann ich Ihnen irgendwie helfen?” brummte der Mann freundlich mit einer Bärenstimme.
Tamara war vor Schreck rot angelaufen. Sie musste tief Luft holen. ”Ich … also … äh. Tse … es tut mir leid. Ich hatte gerufen, aber da war niemand”, gab sie stotternd von sich.
”Nun, ich bin im Sektionssaal gewesen. Anscheinend haben Sie sehr leise gerufen, denn ich habe nichts gehört. Wegen dem kleinen Unfall in der Leichenhalle, der die komplette Kühlung außer Funktion gesetzt hat, führen wir alle Autopsien sofort durch. Mein Klient ist gerade erst zu uns herunter gekommen.” Er streckte ihr die blutigen Hände erklärend entgegen. ”Als ich dann das Quietschen hörte, dachte ich mir, ich muss doch mal schauen, wer mich da besucht.” Der Mann war die Ruhe in Person. Er war groß und wuchtig und machte den Eindruck, als ob er zu der gemütlichen Sorte Mensch gehörte, zu der ganz gemütlichen Sorte – ein Fels in der Brandung. Im verschmierten Kittel, mit vor Blut tropfenden Handschuhen stand er vor ihr und tat so, als sei Tamara auf einen Kaffee vorbeigekommen.
”Wie ist dieser kleine Unfall eigentlich passiert?”
”Das fragt sich die Feuerwehr auch, und mittlerweile fragt sich das sogar die Kripo. Die Ermittlungen laufen noch. Sie sind aber hoffentlich nicht nur wegen der Explosion gekommen.” Er schien nicht so alt zu sein, wie Tamara auf den ersten Blick vermutet hatte.
”Nein. Ich … äh … ich suche den Autopsiebericht von einer ehemaligen Patientin. Ich erinnere mich nur leider nicht mehr genau an ihren Namen. Crams oder so ähnlich”, log sie ausweichend.
”Wenn Sie eine Sekunde Zeit haben. Ich will mal sehen, ob ich Ihnen nicht helfen kann.”
”Oh, machen Sie sich nur keine Umstände. Wenn Sie mir sagen, wo ich suchen muss, dann…”
Der Pathologe ließ Tamara gar nicht ausreden. ”Aber nein. Wo denken Sie hin? Wir bekommen hier unten so selten Besuch, da werde ich mir doch die Gelegenheit nicht entgehen lassen, mich von meiner besseren Seite zu zeigen.” Er blickte vielsagend auf den blutverschmierten Kittel. ”Und mein Klient dort drinnen läuft mir auch nicht davon. Eine Minute bitte.” Mit diesen Worten stieß er mit seinem rechten Fuß die Schwingtür zum Reinigungsraum auf und verschwand dort drinnen.
Jetzt sah Tamara sich gründlich im Raum um. Sie könnte hier nicht arbeiten, obwohl es ihrem momentanen Gefühlszustand doch sehr entgegen kam. Die Schwingtür ging wieder auf, und der Mann kam herein.
”Kall. Dr. Kall ist mein Name”, stellte er sich vor und reichte Tamara die Hand. Er hatte die Handschuhe, den Mundschutz und den Kittel ausgezogen und wirkte nicht annähernd so unheimlich wie noch vor zwei Minuten. Ganz im Gegenteil: er machte einen erstaunlich sympathischen Eindruck auf Tamara. Sie schätzte ihn auf Mitte vierzig, vielleicht sogar noch jünger. Seine hundert Lachfältchen im Gesicht machten den Mangel an Haaren tausendmal wett.
”Ist es nicht deprimierend, hier unten zu arbeiten? Es sieht alles so … so … so deprimierend aus.”
”Dabei ist das hier noch unser Vorzeigesalon. Sie sollten mal mit in die Kühlräume kommen. Da wird Ihnen wahrlich schwarz vor Augen”, bemerkte er verschmitzt.
”Ich nehme an, Sie beziehen Ihre Äußerung jetzt auf die Raumgestaltung und nicht auf das organische Interieur.”
”Natürlich. Also, wie kann ich Ihnen helfen. Sie suchen eine Akte. Darf ich Ihnen übrigens einen Kaffee anbieten?”
”Nein danke. Ich wollte eigentlich nur schnell die Akte holen und dann endlich Feierabend machen”, lehnte Tamara sein Angebot höflich ab.
”Sie Glückliche. Feierabend. Auf welcher Station sind Sie?” Er zog die Schublade mit C ganz heraus: ”Frau Crams sagten Sie, nicht wahr?” Er überflog die Akten.
”Innere.”
”Ach, von Ihnen bekommen wir also unsere viele Arbeit. Wann ist die Patientin verstorben?”
”Ich weiß nicht mehr so genau. Es ist schon zwei oder drei Monate her.”
”Dann arbeiten sie unter dem berühmten Professor Zucker?”
”Ja, kennen Sie ihn näher?”
”Nein”, antwortete Dr. Kall in tiefer Basslage. ”Und ich glaube auch nicht, dass ich ihn näher kennen möchte.”
”Wieso?” fragte Tamara überrascht.
”Es ist schon lange her, dass er selbst Autopsien übernommen hat. Schon sehr lange. Ich erinnere mich kaum noch daran. Trotzdem: ich mochte ihn nie. Meiner Meinung nach hat er seinen Sockel zu hoch gemauert.”
”Tja, so ist er eben”, bemerkte Tamara lakonisch.
”Also unter Crams finde ich gar nichts. Haben Sie nicht das genaue Todesdatum? Dann kann ich über den Computer gehen und suchen.” Geräuschvoll schob er die Schublade wieder zu und drehte sich zu ihr um.
”Nein, leider nicht. Es war auch nur so eine Idee von mir. Ich wollte mir die Akte nur noch mal auf einige Werte hin ansehen. Eigentlich nichts Wichtiges. Sagen Sie, liegt der Ersatzautopsiebericht von Zucker über die Todesursache von diesem Politiker schon hier unten?”
Seine Augenbrauen zuckten fast unmerklich nach oben. Er taxierte sie aufmerksam. Mit einem skeptischen Ausdruck im Gesicht fragte er: ”Warum interessieren Sie sich dafür?”
”Ach, nur so. Ich hätte einfach gerne mal einen Blick reingeworfen.”
”Ahmm … So, so. Das lohnt sich nicht. Es steht nichts anderes drin, als das, was Zucker schon auf der Pressekonferenz behauptet hat.”
”Behauptet?”
”Nun ja. Man kann verschiedener Meinung sein, nicht wahr. Das ist doch unser Privileg als Ärzte, dass wir unterschiedliche Diagnosen stellen dürfen.” Dr. Kalls Worte klangen zweideutig.
”Tja, schade. Ich habe gehört, dass die Leiche zu zerfetzt war, um noch eine Autopsie daran durchführen zu können.”
”Zu zerfetzt, um eine Autopsie daran durchführen zu wollen. Warum sollte man auch um jeden Preis eine Autopsie durchführen wollen an einer zerfetzten Leiche, wenn der Patient nach Aussagen eines berühmten Arztes lediglich an Schlaganfall gestorben ist? Außer, man berücksichtigt den plötzlichen Unfalltod zweier Mitarbeiter, die bei der Notoperation anwesend waren.” Er hielt inne, als wollte er noch etwas sagen, überlegte es sich aber anders und schwieg.
”Was wollen Sie damit sagen?”
”Ich? Nichts! Was sollte ich schon damit sagen wollen?” Dr. Kall zog seine linke Augenbraue hoch. ”Ich habe nicht die geringste Ahnung, was diese Zufälle bedeuten könnten. Sie etwa?” Langsam zog er seine rechte Augenbraue auf die gleiche Höhe. ”Oder würden Sie solche Vorkommnisse nicht auch stutzig machen?”
Tamara schaute ihn fragend an. Dieser große Mann durchbohrte sie mit seinem Blick, als könnte er in ihrem Innersten etwas sehen. Ihr war nicht wohl zumute.
”Ähm … ich nehme mal an, dass das wirklich nur dumme Zufälle sind. Denke ich doch.”
”Ja, sehr dumme Zufälle. Saublöde Zufälle sogar.” Sein Gesichtsausdruck hellte sich auf. ”Sind Sie sicher, dass Sie keine Tasse Kaffee wollen?”
”Ja, ich muss jetzt auch wirklich gehen. Aber herzlichen Dank für Ihre freundliche Hilfe.” Tamara lächelte ihn irritiert an. ”Schönen Abend noch, Dr. Kall.”
”Ach, schöner wird der nicht mehr. Aber Ihnen wünsche ich einen schönen Feierabend”, sagte der Pathologe und wiegte zweifelnd seinen Kopf.
Tamara drehte sich um und wollte den Raum verlassen, als sie ein knappes ”Halt!” stoppte.
”Sie haben Blut auf Ihrem Rücken.”
Tamara schaute ihn fragend an und versuchte dann, über ihre Schulter zu blicken. Sie konnte nichts erkennen und zog den Kittel aus.
Auf dem Rücken ihres Arztkittels zeichneten sich deutlich die blutigen Spuren ihres Zusammenstoßes mit dem Pathologen ab. Die rote Flüssigkeit war stellenweise bis auf das weiße T-Shirt durchgesickert.
”Oh je, ich seh’ ja fast aus wie einer Ihrer Kunden. Wenn ich so auf meine Station zurückgehe, halten mich alle für eine wandelnde Leiche. Tja, aber es bleibt mir wohl nichts anderes übrig.”
”Es gäbe natürlich noch eine andere Alternative.” Dr. Kall grinste sie verschmitzt an.
Tamara schaute ihn skeptisch an.
”Ich meine natürlich, ich könnte Ihnen einen von meinen Kitteln leihen.”
”Das wäre eine gute Idee.”
Dr. Kall griff um die Ecke der Tür und reichte Tamara einen frischen Kittel. Trotz ihrer Größe versank sie fast darin.
”Danke. Ich bring’ ihn wieder.” Sie krempelte die viel zu langen Ärmel hoch.
”Das will ich schwer hoffen.”
Die beiden grinsten sich verschwörerisch an, und Tamara verschwand endgültig aus dem Raum.
Nachdenklich ging sie über die langen Gänge zurück. Sie hatte zwar nicht das gefunden, wonach sie suchte, aber trotzdem hatte sie eine sehr interessante Begegnung gehabt. Statt ihr die Zweifel und Bedenken zu nehmen, hatte ihr Besuch in der Pathologie genau das Gegenteil bewirkt. Immer mehr Puzzlestücke wurden auf den Tisch geworfen. Aber keines passte zum anderen, und jedes für sich gab neue Rätsel auf.